Im Niersteiner Pettenthal gab es im Mittelalter eine Siedlung namens Rodebach

Am nördlichen Rand der Niersteiner Gemarkung in der Lage Pettenthal erinnert der Großlagenname „Rehbach“ noch heute an eine im späten Mittelalter untergegangene Siedlung, die sich immerhin für einige Hundert Jahre inmitten von Weinbergen im Roten Hang gehalten hatte. Unser Wissen um diesen Ort ist zwar nicht sehr ausgebreitet, aber wenn man eine Reihe von historischen Quellen miteinander kombiniert, dann zeigt sich dieser Ort Rodebach (auch die Namensformen Rodenbach und Rodbach kommen im Mittelalter vor) doch in einigen grundsätzlichen Konturen, die uns Heutige interessieren mögen. Es dürfte sich stets um kaum mehr als eine kleine Anzahl von Häusern und/oder Höfen gehandelt haben, die dieses Rodebach ausgemacht haben, doch es gibt durchaus einige Hinweise und Belege entwickelter dörflicher Strukturen für diese Wüstung.

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Das Niersteiner Seelbuch aus dem 14. Jahrhundert

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Wüstung ist ein wichtiges Stichwort, denn die Siedlung existiert schon lange nicht mehr, und im Gelände finden sich auch keinerlei Spuren mehr von ihrer mehrhundertjährigen Existenz. Womöglich würden sich aufgrund der Bodeneingriffe der großen Flurbereinigung in das Geländeprofil des Roten Hanges selbst mit archäologischen Methoden kaum noch Reste des ehemaligen Ortes identifizieren lassen. Man muß auch davon ausgehen, daß sämtliches Steinmaterial der ehemaligen Bauten von Rodebach für Terrassierungen im Hang zweitverwendet worden ist, so daß von dem wüsten Ort buchstäblich „kein Stein auf dem anderen“ geblieben sein mag. Doch stellen wir Rodebach einmal der Reihe nach in einigen Punkten vor. Dabei helfen uns Urkunden aus den Archiven in Mainz, Speyer, Darmstadt und Frankfurt – und in einem wesentlichen Punkt ganz neu auch aus dem Pfarrarchiv von St. Kilian in Nierstein. Wichtig sind auch die Ergebnisse der älteren Geschichts- und jüngeren Flurnamenforschung (besonders von Wolf-Dietrich Zernecke).

Schon im späten 8. Jh. (782) ist die Siedlung bezeugt (in Rodenbachir marca), Ende des 12. Jhs. erneut in der Namensform Rodebach, und im 13. und insbesondere im 14. Jh. begegnet der Ort urkundlich sogar relativ häufig. Spätestens im 15. Jh. scheint die Siedlung Rodebach dann ganz aufgegeben worden zu sein, doch bis in das späte 16. Jh. hinein findet man immer wieder Erwähnungen der fortexistierenden Rodebacher Kapelle, die auch weiterhin gottesdienstlich genutzt wurde und sogar einem (nun auf dem Niersteiner Fronhof wohnenden) Kaplan durch ältere Jahrgedächtnisstiftungen noch regelmäßige Einkünfte bescherte – zusätzlich zu den Erträgen der Kaplanei-Weinberge, auf deren Grund früher Haus und Garten des Rodebacher Kaplans gestanden hatten. Auch der Name des untergegangenen Ortes lebte in der geistlichen Personalie des Rodebacher Kaplans noch eine Zeit lang fort. Ab dem 17. Jh. dann lassen sich durch lautliche Veränderungen entstandene Namensformen mit einem „e“ vermehrt nachweisen, und nach und nach wurde aus Rodebach dann Rehbach. Mit den auch heute häufig in den Weinbergen anzutreffenden Rehen hat der Name natürlich nichts zu tun; eine Erklärung der Namensherkunft des ursprünglichen Rodebach aus dem Wasserlauf im Hang und der roten Farbe des Bodens ist plausibel (auch wenn die Flurnamenforscher aus sprachhistorischen Detailgründen noch Diskussionsbedarf sehen).

Daß Rodebach an einem den Hang herunter in den Rhein fließenden Wasserlauf lag, geht aus Urkunden mehrfach hervor, ebenfalls daß die den Ort direkt umgebenden Weinberge unmittelbar an den Absteinungen der Nackenheimer Gemarkung lagen. Rodebach lag dabei ganz auf Niersteiner Gemarkung. Eine im Darmstädter Staatsarchiv verwahrte Urkunde von 1454 unterrichtet uns, daß ein gewisser Klaus von Dienheim drei Morgen Weinberge, genannt „Falkenstein“, in Niersteiner Gemarkung innerhalb von Rodebach gekauft hat. Dies ist der seltene Fall, daß wir sogar einen einzelnen Weinberg innerhalb der Lage historisch benennen können. Andere Urkunden belegen die Rodebacher Fare, und zwar im Zusammenhang mit Wiesenwirtschaft. Es ist offensichtlich, daß sich diese Nennungen auf die rechte Rheinseite beziehen und eine Fährverbindung meinen, die unterhalb von Rodebach die beiden Rheinuferseiten miteinander verband. Und oberhalb der Siedlung Rodebach, auf dem Plateau über dem Hang, wurde Ackerwirtschaft betrieben, wofür in den Quellen mehrfach der Begriff des Rodebacher Feldes begegnet. In Eintragungen von Jahrgedächtnisstiftungen des 14. und 15. Jhs. in dem Niersteiner Seelbuch (im Pfarrarchiv von St. Kilian – es wird gerade erstmals wissenschaftlich ausgewertet) finden sich Erwähnungen der Rodebacher Breidgasse, also einer (wahrscheinlich der einzigen und anzunehmenderweise befestigten) Fahrstraße, die es durch die Siedlung gegeben hat. Die an dieser Straße liegenden Weinberge zeigten auf der einen Seite (so bezeugt es die Quelle) in Richtung der Flur „Mersch“ (off daz Merße).

Bis vor kurzem war nicht bekannt, daß zu der Siedlung Rodebach auch ein Kloster gehörte. Vielleicht bzw. wahrscheinlich hat sich dieses Klösterchen auch erst auf dem Gelände des bereits wüst zu werden drohenden Ortes ausgebreitet. Jedenfalls belegt eine Nennung anläßlich der (ca. aus der Mitte des 14. Jhs. stammenden) Jahrgedächtnisstiftung für Dytze Lamel und seine Frau Alheidis sowie für beider Eheleute Elternpaare ausdrücklich einige Weinbergsparzellen bei der Rodebacher Kapelle in direkter Nachbarschaft des Klosters (claustrum). Da besagtes Niersteiner Seelbuch dieses Kloster und einige vornehme junge Frauen, die als Beginen ein eheloses Leben (ohne Gelübdeablegung jedoch) in einer christlichen Gemeinschaft lebten, noch mehrfach erwähnt, darf man wohl annehmen, daß hier in einer etwas unscharfen Verwendung des Klosterbegriffs ein sogenannter Beginenhof in Rodebach entstanden war – um die Rodebacher Kapelle herum eine kleinere Anzahl von Häuschen für die einzelnen Beginen bezeichnend, quasi als letzte Nutzungsform der seit dem 8. Jh. bezeugten Siedlung. In einem anscheinend unpublizierten Vortragsskript des Niersteiner katholischen Pfarrers Franz Burger ca. aus der Mitte des 20. Jhs. hat sich eine „Aufbaustudie“ gefunden, wie man sich diesen Beginenhof, das Rodebacher Kloster, strukturell vorstellen kann.

Rodbacher Kloster

 

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Eintragung des Niersteiner Seelbuchs von St. Martin

 

Das ist die Eintragung des Niersteiner Seelbuchs von St. Martin – im immerwährenden Kalender der Jahrgedächtnisstiftungen unter dem 4. April eingetragen. Sie ist der erstmals erbrachte Nachweis für das Rodebacher Kloster überhaupt. Gelesen und übertragen lautet der eigentliche Stiftungstext (lateinisch):

Feria sexta post dominicam letare peragatur anniversarium Dytze Lamel et Alheidis uxoris sue et omnium parentum, qui legavit plebano sollidum, socio suo sollidum, cappellano sancte Marie sollidum, campanatori sollidum, ecclesie sollidum pro cera; magistri fabrice in Oppenheim dant censum de duabus libris hallensium, quos dat Dyle zum Beyer; subpignora in terminis ville Nierstein, videlicet II jugera agri istis sex ortis an dem lysegarten et IIII virorum fossiones vinee site apud cransberg, consultanee ecclesie sancti Kyliani; ecclesia sancti Kyliani habet tantum; item legavit ad stipam, que dicitur die haelspende, I maldrum siliginis in invencione sancte crucis de III virorum fossionibus vinee apud cappellam in Rodbach, consultaneo claustro et predicte cappelle.

Ins Deutsche übersetzt: Am sechsten Tag nach dem Sonntag „Laetare“ soll das Jahrgedächtnis des Dytze Lamel, seiner Ehefrau Alheidis und ihrer beider Elternpaare begangen werden. Der Stifter hat dem Pfarrer einen Schilling ausgeworfen, seinem Helfer, dem Kaplan des Marienaltars und dem Glöckner [allesamt von St. Martin] ebenso je einen Schilling Heller, der Martinskirche zusätzlich einen Schilling für Wachs. Die Meister der Oppenheimer Kirchenfabrik reichen das hierfür nötige Geld aus jenen zwei Pfund Heller, die Dyle zum Beyer bezahlt. Als Unterpfand für diese Stiftung werden innerhalb der Niersteiner Gemarkung verschrieben: zwei Morgen Ackerland, angrenzend an die sechs Gartengrundstücke „an dem Lysegarten“, sowie vier Manngraft Wingert beim Kransberg gelegen, angrenzend an die Kilianskirche. Die Kilianskirche erhält ebenso hohe Stiftungsgelder. Der Stifter hat außerdem zur Verteilung unter den Armen als sogenannte „Haelspende“ ausgeworfen: ein Malter Weizen jedes Jahr am Fest der Kreuzauffindung, abgesichert durch drei Manngraft Wingert bei der Kapelle in Rodbach, angrenzend an das Kloster und die genannte Kapelle.

Als eine der zahlreichen zusätzlichen Aussagewertigkeiten des Niersteiner Seelbuchs – wirklich ein Schatz für die Niersteiner Geschichtsschreibung! – sei hier abschließend nur erwähnt, daß im seltenen Ausnahmefall sogar die Nennung einer Rebsorte für den Niersteiner Weinbau des 14./15. Jhs. nachgewiesen werden kann. Der Ritter Conrad von Sontheim und seine Frau Gertrud haben für ihre Jahrgedächtnisstiftung nicht nur für die Niersteiner Geistlichkeit entsprechende Einkünfte ausgelobt, sondern für die Verteilung unter die Armen ausdrücklich (neben Weizen und Birnen) ein ganzes Ohm vini franconici, also fränkischen Weins. Darunter ist keineswegs aus Franken importierter Wein zu verstehen, sondern einheimischer Niersteiner Wein der Rebsorte „Fränkisch“. – Auf dem Roten Hang wird heute vom Weingut St. Antony auch ein „Blaufränkisch“ angebaut, und seine nobelste Spielart erinnert in der Benennung „Rothe Bach“ zudem an den Ort Rodebach – Klasse!

Dr. Franz Stephan Pelgen (Nierstein, Februar 2018)

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