Der Winzer in der Biodynamie – esoterischer Scharlatan oder Dirigent der Impulse?

Heutzutage erlebt die Biodynamie durch die Auslobung auf besonderen Produkten in manchen Supermärkten eine steigende Bekanntheit. Selbst Online kann man jetzt biodynamische Babybreis kaufen. Die kaufende Masse lockt beim Kauf biodynamischer Produkte ein gutes Gefühl, teilweise ist es aber nur eine irrationale Erklärung bei den meisten wie etwa „ist wie Bio nur mehr und wertiger“.

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Ich versuche einmal die Biodynamie in ihren Grundzügen zu umreißen und später anhand unseres Ansatzes und unserer Umsetzung bei St. Antony zu erklären, wie und warum die biodynamische Wirtschaftsweise bei uns stattfindet.
Wir arbeiten nun seit 2011 biodynamisch. Wir tun das, weil wir glauben die Natur hier in ihren Rhythmen und Energien besser begleiten zu können und damit ganz pragmatisch Problemen im Anbau und Ausbau unserer Weine vorzubeugen und dadurch ganz einfach die Qualität unserer Weine zu verbessern. Das ist die einfach zu erklärende Seite des biodynamischen Weinbaus. Doch beginnen wir am Anfang:

Grundlage der biodynamischen Arbeitsweise ist der „Landwirtschaftliche Kurs“ von Rudolf Steiner, eine Sammlung mehrerer Vorträge, die Steiner 1924 und 1925 gehalten hat. Steiner ist nicht unumstritten, aber letztendlich war er ein heller Geist, der alte Erkenntnisse im Landbau von Vordenkern wie Hildegard von Bingen oder Goethe auffasste und sie in Kombination mit seinen Forschungen in ein Erklärungssystem eingliederte. Dies beschreibt heute noch die Mehrdimensionalität, Balance und Energieströme in der Natur und Lebewesen.
Die Vorträge „Landwirtschaftlicher Kurs“ von Steiner kommen aus einer Zeit, in der die aufkommende Industrie begann die Landwirtschaft zu verändern. Die Erkenntnisse über die mineralische Stickstoffdüngung von Justus Liebig aus dem 19. Jahrhundert wurden in der Landwirtschaft angewandt und es kam zu einer Veränderung von Geschmack und Qualität von Lebensmitteln, die auf die Intensivierung landwirtschaftlicher Produktion zurückging.

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In der Biodynamie erklärt man durch die verschiedenen Gestirnskonstellationen im All grundlegend vier verschiedene Einflusssituationen auf die Erde. Diese verschiedenen Phasen sind ineinander überlaufend und dauern immer ca. zwei ein halb Tage. So wirken auf die irdische Atmosphäre in einem Mondzyklus von 28 Tagen 12 definierte ineinander übergehende Konstellationen, in denen die folgende vier Zustände oder man könnte auch sagen Energierichtungen immer wieder abwechselnd wirken:

Mineralreich und Wurzel –Kräfte steigen nach unten
Wasser und Blattwerk – durchströmend
Licht und Blüte – Kräfte treten nach außen, zentrifugal
Wärme und Frucht – Kräfte steigen nach oben

Dass Gestirnskonstellationen im All auf die Erde wirken, können wir am einfachsten an den Gezeiten Ebbe und Flut am Meer erkennen. Der Mond steuert hier durch seine Anziehungskräfte die Wassermassen. Aber sie wirken auch auf Pflanzen oder Lebewesen. Wenn man sich nun Feuchtigkeitsbewegungen im Boden vorstellt, die diesen Rhythmen unterliegen, kann man sich vorstellen, dass es Phasen gibt die vorteilhaft für die Bodenbearbeitung oder Düngung sein können. Wenn man an den Rebschnitt denkt, kann man auch Phasen aussuchen, die der Rebe besser passen, ebenso bei der Ernte der Früchte etc…

Also sehen wir, dass wir der Biodynamie einen rationalen Aspekt in diesem esotherischen Umfeld abtrotzen können. Ich möchte aber nicht die Biodynamie auf eine rational wissenschaftliche Ebene stellen, denn damit wird man das grundsätzliche Verständnisproblem der tiefer gehenden biodynamischen Anwendungen nicht lösen. Die Biodynamie berührt uns ganz besonders, weil wir Menschen nicht alles erklären können. Wir sehnen uns zwar nach wissenschaftlichen Beweisen und rationalen Erklärungen, aber die sind nicht immer möglich. Was wir uns nicht erklären können, das kann nicht sein, oder es macht uns wahnsinnig. Versuchen Sie zu erklären, warum in der sechsen Schwangerschaftswoche im Bauch der Frau das Herzen des jungen Babies erstmalig anfängt zu schlagen. Es waren erst einige Zellen dann entsteht ein Körper mit Organansätzen und auf einmal fängt das Herz an zu schlagen. Warum? Wer gibt den Impuls für erste Herzkontraktionen?
Es muss Impulse geben und noch viel mehr in einem Bereich, den wir nicht wahrnehmen können. Wir können drei Dimensionen wahrnehmen und mit der Zeitachse uns auch eine vierte Dimension vorstellen. Doch was ist mit einer fünften oder sechsten Dimension? Beispielsweise kann man Anziehungskraft auch nicht sehen, so lange man zwei Magneten mit genügend Abstand auseinanderhält. Führt man die Magneten zusammen wird die Anziehungskraft augenscheinlich. Sicherlich kann man Magnetismus wissenschaftlich messen. Doch hat man in der Wissenschaft sicherlich nicht die Möglichkeit alle Energien in verschiedenen Dimensionen aufzuspüren.

Kräfte, Energien und deren Richtung kann man durch Impulse steuern und so Pflanzen zu bestimmten Phasen eine Information mitgeben. Hierzu werden die biodynamischen Präparate eingesetzt. Es gibt diverse Präparate für verschiedene Anwendungen, eines habe ich einmal herausgenommen um es näher zu beleuchten:

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Mein Beispiel ist das Hornmistpräparat. Kuhdung wird in ein Kuhhorn gepresst und im Winter in der Erde vergraben. Zu Ostern werden sie wieder herausgeholt und kurz zum Trocknen gelegt. Der Inhalt wird in kleinen Mengen in ein Fass gegeben und durch Rühren mit einem Stab dynamisiert. Anschließend wird das Präparat auf den Boden gesprüht, um das Bodenleben anzuregen und den Boden zu vitalisieren.
Das Präparat wird hier in mehreren Schritten mit Energie aufgeladen. Die Stoffwechselvorgänge im eingegrabenen Kuhhorn setzen Energie frei, die im Kuhhorn auf den Dung gestrahlt werden. Wer einen frischen Pferdemisthaufen im Winter schon einmal gesehen hat, kann sich das Bild der Energie bildlich vorstellen.
Das Kuhhorn wird bewusst als Behältnis gewählt, weil es wie eine Antenne die kosmische Strahlung aufnimmt und an den Inhalt abgibt.
Final vor dem Ausbringen des Präparats findet dann durch ein einstündiges Einrühren kleiner Mengen des Horninhalts in klares Wasser die eigentliche Dynamisierung statt. Hier gibt es eine Rührtechnik, die das Wasser und die die kleine Dungmenge in einem Fass verwirbelt. Verwirbelungen sind Austauschvorgänge, die das Präparat dynamisieren. Auf einen Hektar werden lediglich 40-50 Liter Präparat auf den Boden versprüht.
Durch die Ausbringung des Hornmistpräparates erhält der Boden einen Impuls. Unzählige Mikroorganismen werden dadurch stimuliert und bereiten sich nach der Winterruhe auf die kommende Vegetation vor.
Die Anwendung in der Praxis zeigte, dass die Reben vitaler wirken und beim Austrieb weniger Knospen geschlossen blieben. Insgesamt ist es sicherlich ein guter Weg die Erträge über die Jahre konstanter zu halten. In meinem Blogbeitrag über Bodenleben und Weingeschmack https://www.st-antony.de/blog/unsere-weine/was-ist-mineralitaet-und-wie-genau-kommt-sie-in-den-wein.html habe ich bereits berichtet, welch hohen Einfluss das Bodenleben auf den Weingeschmack Forscher vermuten. Die Präparatanwendung auf den Boden oder auf den auszubringenden Kompost hilft der Rebe eine Beziehung mit dem Boden aufzubauen, es hilft den Boden geschmacklich im Wein stattfinden zu lassen und eine Individualität und Herkunftsprägung entstehen zu lassen.

Kommentare

  1. Dominik Herzog

    Ich möchte mich an dieser Stelle für die interessanten und auch spannenden Berichte bedanken.
    Es ist gut so, dass sich nicht immer alles erklären lässt und die Natur die Vorherrschaft behält und den Menschen immer wieder in seine Schranken weist.

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